Faktencheck: eHealth in der Pandemie

Die zentralisierte digitale Vernetzung eines Gesundheitssystems stellt in einer pandemischen Entwicklung keinen Schutz für die Bevölkerung dar. Wer auch immer hier profitieren mag, die Patienten und das Gesundheitssystem scheinen es nicht zu sein.

In der Diskussion um die Digitalisierung und Vernetzung des Gesundheitswesens (eHealth) werden viele Behauptungen für und gegen diesen Hype in Deutschland aufgestellt. Wir von WISPA sorgen uns um die Sicherheit der Patientendaten und um das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten. Wir sehen – unterm Strich – in der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit Macht und Sanktionsdruck vorangetriebenen Entwicklung keinen Nutzen für die medizinische Versorgung.

Auf der anderen Seite stehen Thesen, dass eine elektronische Patientenakte Leben retten würde, dass Daten Teilen beim Heilen helfen werde, und dass in der Corona-Pandemie ein gut funktionierendes digitales Gesundheitssystem hilfreich gewesen wäre (Sachverständigenrat Gesundheit). Dies lässt sich so in Deutschland natürlich noch nicht überprüfen, aber in anderen Ländern gibt es angeblich bereits diese Medizin der Zukunft.

In einer Studie der Münch-Stiftung wurde ein Scoring der europäischen Länder bzgl. ihres Fortschrittes bei der eHealth-Entwicklung erhoben, nach der Deutschland auf dem beschämenden 13. Platz lag. Spitzenreiter waren die skandinavischen Länder mit Dänemark an 1. Stelle, aber auch Estland gilt auf Platz 4 als Digitalisierungswunderland. Spanien hat aufgeholt und Großbritanien liegt mit seinem NHS auf Platz 7 weit vor Deutschland.

Sollte uns das als „Bedenkenträger“ nicht so langsam verstummen lassen? Nein, denn wir können uns die Fakten anschauen:

Nehmen wir die Gesundheitssysteme wie eine Black-Box, mit jeweils unterschiedlich starker „Digitalisierung“ (entspr. dem o.g. Scoring) und der Corona-Krise als weltweiten Belastungs- bzw. Bedrohungsfaktor. Das Outcome können wir vergleichen anhand der kumulierten Inzidenz der Corona-Infizierten pro 100.000 Einwohner (Stand 10.6.21).

Ergebnis: Mit Ausnahme Finnlands sind alle im Münch-Report aufgeführten Länder von der Pandemie stärker betroffen gewesen als Deutschland. Selbst Israel, das bzgl. der Verwendung der medizinischen Daten seiner Bevölkerung keine Zurückhaltung kennt und von dem Prof. Dr. Gerlach vom Sachverständigenrat Gesundheit noch kürzlich sehr schwärmte, hat eine mehr als doppelt so hohe Infektionszahl als Deutschland.

Hier ist Deutschland – nach Finnland – europäischer Spitzenreiter, und das mit einer TI und einer elektronischen Patientenakte, die nicht einmal in Ansätzen funktioniert!

Land

Rang: (European Scoregard 2018)

kumulierte Inzidenz/100.000

Dänemark

1

4.950,0

Finnland 2

1.692,6

Schweden 2

10.475,8

Estland 4

9.809,4

Spanien 4

7.849,7

Schweiz 6

8.044,5

Slowakei 7

7.160,5

Vereinigtes Königreich 7

6.681,4

Portugal 9

8.299,6

Frankreich 10

8.504,9

Niederlande 11

9.579,5

Österreich 11

7.231,2

Belgien 13

9.315,4

Litauen 13

9.921,7

Polen 13

7.578,5

Deutschland 13

4.459,9

Israel

9.700,4

 

Welche Bedingungen und Entscheidungen nun zu diesen Ergebnissen geführt haben, kann und soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. „Analoge“ Faktoren im menschlichen Miteinander dürften eine entscheidende Rolle spielen. Sicher hätte ein personell und technisch gut ausgestatteter öffentlicher Gesundheitsdienst Vieles leichter gemacht. Dass aber eine zentral organisierte Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen – nach dem Vorbild anderer europäischer und außereuropäischer Staaten – einen Vorteil für den Schutz der Bevölkerung gehabt hätte, ist somit – zumindest korrelativ – eher widerlegt als bestätigt.

L. Seite

 

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Henning Heck

    Eine gute Datenlage ist wichtig als Grundlage rationaler Entscheidungen. Dem IT-Experten Thomas Maus folgend, wäre eine bessere Datenlage möglich gewesen, wenn die Politik nicht an diesem milliardenschweren Koloss um TI und ePA festgehalten hätte. Sondern, stattdessen, eine professionelle dezentrale digitale Infrastruktur im Gesundheitswesen auf den Weg gebracht hätte. Dann hätten Daten zwischen Praxen und Kliniken und Gesundheitsämtern ausgetauscht werden können – sicher, resilient und effizient.

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